Komponist: Franz Schubert (1797-1828)
Textdichter: Johann Mayrhofer (1787-1836)

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Interpreten: Peter Schöne - Bariton / Olga Monakh - Piano
Aufnahme: Dienstag, 26. Juli 2011 - Berlin



Liedtext

»Laßt uns, ihr Himmlischen, ein Fest begehen!«
Gebietet Zeus - [sein rascher Bote eilt -]1
Und von der Unterwelt, den Höh'n und Seen,
Steigt Alles zum Olympus unverweilt.

Der Rebengott verläßt, den er bezwungen,
Des Indus blumenreichen Fabelstrand;
Des Helikons erhabne Dämmerungen
Apoll, und Cypria ihr Inselland.

Die [Strömerinen]2 moosbesäumter Quellen,
Dryadengruppen aus dem stillen Hain,
[Wie]3 der beherrscht des Ozeanes Wellen,
Sie finden willig sich zum Feste ein.

Und wie sie nun in glänzenden Gewanden
Den ew'gen Kreis, an dem kein Wechsel zehrt,
Den blühenden, um unsern Donn'rer wanden,
Da strahlt sein Auge jugendlich verklärt.

Er winkt: und Hebe [füllet Krüg' und]4 Schalen,
Er winkt: [der Trojer]5 reicht Ambrosia,
Er winkt: und süße Freudenhymnen schallen;
Und was er immer [ordnete,]6 geschah.

Schon rötet Lust der Gäste Stirn' und Wange,
Der schlaue Eros lächelt still für sich:
Die Flügel öffnen sich - im sachten Gange,
Ein edles Weib in die Versammlung schlich.

Unstreitig ist sie aus der Uraniden
Geschlecht', ihr Haupt umhellt ein Sternenkranz;
Es leuchtet herrlich auf dem lebensmüden
Und [bleichgefärbten]7 Antlitz Himmelsglanz.

Doch ihre gelben Haare sind verschnitten,
Ein dürftig Kleid deckt ihren reinen Leib.
Die wunden Hände deuten, daß gelitten
Der Knechtschaft schwere Schmach das Götterweib.

Es spähet Jupiter in ihren Zügen:
»Du bist - du bist es nicht, Urania!«
»Ich bin's.« - Die Götter taumeln von den Krügen
Erstaunt, und rufen: wie? Urania!

»Ich kenne dich nicht mehr. In holder Schöne«
Spricht Zeus - »zogst [du]8 der Erde zu.
[Dem]9 Göttlichen befreunden ihre Söhne,
In meine Wohnung leiten solltest du.

Womit Pandora einstens sich gebrüstet,
Ist unbedeutend wahrlich und gering,
Erwäge ich, womit ich dich gerüstet,
Den Schmuck, den meine Liebe um dich hing.«

»Was du, o Herr, mir damahls aufgetragen,
Wozu des Herzens eigner Drang mich trieb,
Vollzog ich willig, ja ich darf es sagen;
Doch daß mein Wirken ohne Früchte blieb,

Magst du, o Herrscher, mit dem Schicksal rechten,
Dem alles, was entstand, ist untertan;
Der Mensch verwirrt das Gute mit dem Schlechten,
Ihn hält gefangen Sinnlichkeit und Wahn.

Dem Einen mußt' ich seine Äcker pflügen,
Dem Andern Schaffnerin im Hause sein,
Dem seine Kindlein in die Ruhe wiegen,
Dem Andern sollt' ich Lobgedichte streu'n.

Der Eine sperrte mich in tiefe Schachten,
Ihm auszubeuten klingendes Metall;
Der [Andre]10 jagte mich durch blut'ge Schlachten
Um Ruhm - so wechselte der Armen Qual.

Ja dieses Diadem, - die goldnen Sterne -
Das du der Scheidenden hast zugewandt,
Sie hätten es zur Feuerung ganz gerne
Bei winterlichem Froste weggebrannt.«

»Verwünschte Brut,« [ruft]11 Zeus mit wilder Stimme,
»Dem schnellsten Untergang sei [du]12 geweiht!«
Die Wolkenburg erbebt [vor]13 seinem Grimme,
Und Luft und Meer und Land erzittern weit.

Er reißt den Blitz gewaltsam aus den Fängen
Des Adlers; über'm hohen Haupte schwenkt
Die Lohe er, die Erde zu versengen,
Die seinen Liebling unerhört gekränkt.

Er schreitet vorwärts, um sie zu verderben,
Es dräut der rothe Blitz, noch mehr sein Blick.
Die bange Welt bereitet sich zu sterben -
Es sinkt [des Rächers Arm]14, er tritt zurück,

Und heißt Uranien [hinunter]15 schauen.
Sie sieht in weiter Fern' ein liebend Paar,
Auf einer grünen stromumflossnen Auen,
Ihr Bildnis ziert den ländlichen Altar,

Vor dem die Beiden opfernd [niederknien]16,
Die Himmlische ersehnend, die entflohn;
Und wie ein [Ozean von Harmonien]17
Umwogt die Göttin ihres Flehens Ton.

Ihr dunkles Auge füllet eine Thräne,
Der Schmerz der Liebenden hat sie erreicht;
Ihr Unmut wird, wie eines Bogens Sehne
Vom [Morgentaue]18, nun erweicht.

»Verzeihe,« heischt die göttliche Versöhnte:
»Ich war zu rasch im Zorn, mein Dienst, er gilt
Noch auf der Erde: wie man mich auch höhnte,
Manch frommes Herz ist noch von mir erfüllt.

O laß mich zu den armen Menschen steigen,
Sie lehren, was dein hoher Wille ist,
Und ihnen mütterlich in Träumen zeigen
Das Land, wo der Vollendung Blume sprießt.«

»Es sei,« ruft Zeus, »reich will ich dich bestatten;
Zeuch, Tochter, hin, mit frischem starken Sinn!
Und [komm, gewahrst]19 du deine Kraft ermatten,
Zu uns herauf, des Himmels Bürgerin.

Oft sehen wir dich kommen, wieder scheiden,
In immer längern Räumen bleibst du aus,
Und endlich gar - es enden deine Leiden,
Die weite Erde nennst du einst dein Haus.

[Du, Dulderin! wirst dort]20 geachtet wohnen,
Noch mehr, als wir. Vergänglich ist die Macht,
Die uns erfreut; der Sturm [droht unsren]21 Thronen,
Doch deine Sterne leuchten durch die Nacht.«

1 von Schubert ausgelassen
2 Schubert (Autograph und AGA): Strömerinnen
3 Schubert: "Und"
4 Schubert: "füllt die goldnen"
5 Schubert: "und Ceres"
6 Schubert: "ordnet', das"
7 Schubert Alte Gesamtausgabe (AGA) und Neue Gesamtausgabe (NGA): "bleich gefärbten"
8 Schubert: "du von mir"
9 Schubert: "Den"
10 Schubert: "eine"
11 Schubert: "herrscht"
12 Schubert: "sie"
13 Schubert (Autograph, und AGA): "von"
14 Schubert: "der Rächerarm"
15 Schubert: "hinab zu"
16 Schubert: "niederknieen"
17 Schubert: "mächtig Meer von Harmonieen"
18 Schubert: "feuchten Morgenthaue", the omission of "feuchten" seems to be an error in Mayrhofer's print.
19 Schubert: "komme, fühlst"
Schubert (Autograph) "Du Dulderin wirst du", AGA "Da, Dulderin, wirst du", NGA "Du Dulderin wirst dort".
Schubert: "fällt unsre"

Quelle(n) & alternative Kompositionen: www.lieder.net

Entstehung

komponiert: April 1817

Veröffentlichung (angezeigt): 1895

Originaltonart: B-Dur

Liedform: Kantate

Besonderheiten:

Zum Text

Textbild
Johann Mayrhofer

Johann Mayrhofer veröffentlichte seine Gedichte 1824 bei der eher kleinen Verlagsbuchhandlung Friedrich Volke in Wien. Diese Veröffentlichung ist als Digitalisat in der Österreichischen Nationalbibliothek online studierbar. Das Gedicht findet sich auf Seite 169ff. 21

Auf der Seite lieder.net ist nachzulesen, dass Schubert die Gedichte Mayrhofer's üblicherweise als Handschrift erhielt. Dadurch erklären sich auch die vielen Änderungen zur Druckversion des Textes.

Urania ist eine der Musen in der griechischen Mythologie. Ihre Attribute, der Himmelsglobus und der Zeigestab, ihr sternenumkränztes Haupt weisen sie als Muse der Astronomie aus. Ihr Name wird oft assoziert mit universeller Liebe und dem heiligen Geist. 22

Zur Musik

Mayrhofer war ein enger Freund Franz Schuberts und wohnte drei Jahre von 1819-1821 gemeinsam mit ihm in einer Wohngemeinschaft. Er schreibt am 23. Februar 1829 im Neuen Archiv für Geschichte, Staatenkunde, Literatur und Kunst in seinen Erinnerungen an Franz Schubert:

"Mein Verhältniß mit Franz Schubert wurde dadurch eingeleitet, daß ihm ein Jugendfreund das Gedicht „am See" – es ist das vierte in dem bei Volke 1824 erschienenen Bändchen – zur Komposition übergab. An des Freundes Hand betrat 1814 Schubert das Zimmer, welches wir 5 Jahre später gemeinsam bewohnen sollten. Es befindet sich in der Wipplingerstraße (heute Nr.2).
(...)
Dieses Grundgefühl, und die Liebe für Dichtung und Tonkunſt machten unser Verhältniß inniger; ich dichtete,er komponierte, was ich gedichtet, und wovon Vieles seinen Melodien Entstehung, Fortbildung und Verbreitung verdankt." 23

Dieser engen Beziehung verdanken wir 47 Gedichtvertonungen durch Schubert.

Franz Schubert war 20 Jahre alt, als er dieses Lied schrieb.

Zur Veröffentlichung

Zur Quellenlage (Manuskripte etc.) kann man sich im thematischen Verzeichnis von O.E.Deutsch informieren.

Das Autograph befindet sich in der Bibliotheque Nationale de Paris, Conservatoire und kann online recherchiert werden.

Die Veröffentlichung besorgte Dr. Eusebius Mandyczewski im Rahmen der Alten Gesamtausgabe.


Geschrieben von: Peter Schöne

Noten

Alte Gesamtausgabe Serie XX, Bd. 05 , Nr. 319

Neue Gesamtausgabe IV, Bd. 11

Link zum Manuskript
schubertmanu

Originalversion des Liedes

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Quelle imslp.org o.a.: Uraniens Flucht.pdf