Komponist: Franz Schubert (1797-1828)
Textdichter: Friedrich Schiller (1759-1805)

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Interpreten: Peter Schöne - Bariton / Boris Cepeda - Piano
Aufnahme: Montag, 15. Dezember 2008 - Berlin



Liedtext

Zu Dionys, dem Tyrannen, schlich
Möros1, den Dolch im Gewande;
Ihn schlugen die Häscher in Bande.
»Was wolltest du mit dem Dolche, sprich!«
Entgegnet ihm finster der Wütherich. -
»Die Stadt vom Tyrannen befreien!« -
»Das sollst du am Kreuze bereuen.« -

»Ich bin,« spricht Jener, »zu sterben bereit
Und bitte nicht um mein Leben;
Doch, willst du Gnade mir geben -
Ich flehe dich um drei Tage Zeit,
Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit -
Ich lasse den Freund dir als Bürgen,
Ihn magst du, entrinn' ich, erwürgen.«

Da lächelt der König mit arger List
Und spricht nach kurzem Bedenken:
»Drei Tage will ich dir schenken;
Doch, wisse! wenn sie verstrichen, die Frist,
Eh' du zurück mir gegeben bist,
So muß er statt deiner erblassen,
Doch dir ist die Strafe erlassen.«

Und er kommt zum Freunde: »Der König gebeut,
Daß ich am Kreuz mit dem Leben
Bezahle das frevelnde Streben;
Doch will er mir gönnen drei Tage Zeit,
Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit:
So [bleib']2 du dem König zum Pfande,
Bis ich komme, zu lösen die Bande.«

Und schweigend umarmt ihn der treue Freund
Und, liefert sich aus dem Tyrannen;
Der [andere ziehet]3 von dannen.
Und, [ehe]4 das dritte Morgenrot scheint,
Hat er schnell mit dem Gatten die Schwester vereint,
Eilt heim mit sorgender Seele,
Damit er die Frist nicht verfehle.

Da gießt unendlicher Regen herab,
Von den Bergen stürzen die [Quellen]5,
Und die Bäche, die Ströme schwellen.
Und er kommt ans Ufer mit wanderndem Stab -
Da reißet die Brücke der Strudel hinab,
Und donnernd sprengen die Wogen
Des Gewölbes krachenden Bogen.

Und trostlos irrt er an Ufers Rand:
Wie weit er auch spähet und blicket
Und die Stimme, die rufende, [schicket]6,
Da [stößet]7 kein Nachen vom sichern Strand,
Der ihn setze an das gewünschte Land,
Kein Schiffer lenket die Fähre,
Und der wilde Strom wird zum Meere.

Da sinkt er ans Ufer und weint und fleht,
Die Hände zum Zeus erhoben:
»O, hemme des Stromes Toben!
Es eilen die Stunden, im Mittag steht
Die Sonne, und wenn sie niedergeht,
Und ich kann die Stadt nicht erreichen,
So muß der Freund mir erbleichen.«

Doch wachsend erneut sich des Stromes [Wut]8,
Und Welle auf Welle zerrinet,
Und Stunde an Stunde entrinnet,
Da [treibt ihn die Angst]9, da faßt er sich Mut
Und wirft sich hinein in die brausende Flut
Und theilt mit gewaltigen Armen
Den Strom - und ein Gott hat Erbarmen -

Und gewinnt das Ufer und eilet fort
Und danket dem rettenden Gotte;
Da stürzet die raubende Rotte
Hervor aus des Waldes nächtlichem Ort,
Den Pfad ihm sperrend, und schnaubet Mord
Und hemmet des Wanderers Eile
Mit drohend geschwungener Keule.

»Was wollt ihr?« ruft er, [vor]10 Schrecken bleich,
»Ich habe nichts, als mein Leben,
Das muß ich dem Könige geben!«
Und entreißt die Keule dem Nächsten gleich:
»Um des Freundes willen, [erbarmet]11 euch!«
Und Drei, mit gewaltigen Streichen,
Erlegt er, die Andern entweichen.

Und die Sonne versendet glühenden Brand,
Und, von der unendlichen Mühe
Ermattet, sinken die [Knie]12 -
»O, hast du mich gnädig aus Räubershand,
Aus dem Strom mich gerettet ans heilige Land,
Und soll hier verschmachtend verderben,
Und der Freund mir, der liebende, sterben!«

Und, horch'! da sprudelt es silberhell,
Ganz nahe, wie rieselndes Rauschen,
Und stille hält er, zu lauschen,
Und, sieh', aus dem Felsen, geschwätzig, schnell,
Springt murmelnd hervor ein lebendiger Quell,
Und freudig bückt er sich nieder
Und erfrischet die brennenden Glieder.

Und die Sonne blickt durch der Zweige Grün
Und malt auf den glänzenden Matten
Der Bäume gigantische Schatten;
Und zwei [Wanderer]13 sieht er die Straße ziehn,
Will eilenden Laufes vorüber fliehn,
Da hört er die Worte sie sagen:
»Jetzt wird er ans Kreuz geschlagen.«

Und die Angst beflügelt den eilenden Fuß,
Ihn jagen der Sorge Qualen,
Da schimmern in Abendroths Strahlen
Von ferne die Zinnen von Syrakus,
Und entgegen kommt ihm Philostratus,
Des Hauses redlicher Hüter,
Der erkennet entsetzt den Gebieter:

»Zurück! du rettest den Freund nicht mehr,
So rette das eigene Leben!
Den Tod erleidet er eben.
Von Stunde zu Stunde gewartet' er
Mit hoffender Seele der Wiederkehr,
Ihm konnte den muthigen Glauben
Der Hohn des Tyrannen nicht rauben.« -

»Und ist es zu spät, und kann ich ihm nicht
Ein Retter willkommen erscheinen,
So soll mich der Tod [ihm]14 vereinen.
Deß rühme der blut'ge Tyrann sich nicht,
Daß der Freund dem Freunde gebrochen die Pflicht,
Er schlachte der Opfer zweie
Und glaube an [Liebe]15 und Treue!«

Und die Sonne geht unter - da steht er am Tor
Und sieht das Kreuz schon [erhöhet]16,
Das die Menge gaffend umstehet;
[An]17 dem Seile schon zieht man den Freund empor,
Da zertrennt er gewaltig den dichten Chor:
»Mich, Henker«, ruft er, »erwürget!
Da bin ich, für den er gebürget!«

Und Erstaunen [ergreift]18 das Volk umher,
In den Armen liegen sich Beide
Und weinen [vor]19 Schmerzen und Freude.
Da sieht man kein Augen tränenleer,
Und zum [Könige]20 bringt man die Wundermähr';
Der fühlt ein [menschliches]21 Rühren,
Läßt schnell vor den Tron sie führen -

Und [blicket]22 sie lange verwundert an.
Drauf spricht er: »Es ist euch gelungen,
Ihr habt das Herz mir bezwungen,
Und die Treue[, sie]23 ist doch kein leerer Wahn,
So [nehmet]24 auch mich zum Genossen an:
Ich sei, gewährt mir die Bitte,
In eurem Bunde der Dritte!«
1 in einigen Editionen, "Damon".
2 Schubert: "bleibe"
3 Schubert: "andre zieht"
4 Schubert: "eh' noch"
5 Schubert: "Quellen herab"
6 Schubert: "schickt"
7 Schubert: "stößt"
8 Schubert: "Toben"
9 Schiller's frühe Editionen: "treibet die Angst ihn"
10 Schiller's frühe Editionen: "für"
11 Schubert: "erbarmt"
12 Schiller's frühe Editionen: "Kniee"
13 Schubert: "Wandrer"
14 Schubert: "mit ihm"
15 Schubert: "Lieb"
16 Schubert: "erhöht"
17 Schubert: "Und an"
18 Schiller's frühe Editionen: "ergreifet"
19 Schiller's frühe Editionen: "für"
20 Schubert: "König"
21 Schubert: "menschlich"
22 Schubert: "blickt"
23 ausgelassen von Schubert
24 Schubert: "nehmt"

Quelle(n) & alternative Kompositionen: www.lieder.net

Entstehung

komponiert: August 1815

Veröffentlichung (angezeigt): 26. Oktober 1830

Originaltonart: G

Liedform: Ballade

Besonderheiten:

Zum Text

Illustration der Ballade "Die Bürgschaft" Matthias und Joseph Trentsensky

Die diesem Gedicht zugrundeliegende Geschichte trägt den Titel Damon und Phintias. Sie wurde in der Literatur mehrfach aufgegriffen. Schiller kannte sie in der Version des Autors Hyginus Mythographus. Dieser hatte die Geschichte mit veränderten Namen Moeros und Selinuntius in seinen Werk Genealogiae unter der Überschrift CCLVII. QVI INTER SE AMICITIA IVNCTISSIMI FVERVNT veröffentlicht.
Die vorliegende Bearbeitung dieses Stoffes durch Schiller wurde von ihm selbst veröffentlicht im Musen-Almanach für das Jahr 1799, Tübingen, in der J.G.Cottaischen Buchhandlung, Seiten 176-182. Ein Digitalisat dieser Ausgabe ist in der digitalen Sammlung der Herzogin Anna Amalia Bibliothek vorhanden und kann online studiert werden.

Zur Musik

Über weite Strecken handelt es sich bei dieser Komposition um eine dramatische Ballade. Für den G-Dur-Schlussteil verwendet Schubert einen fast schon weinselig wirkenden Wiener 3/4-Takt.
Schubert schrieb nicht nur die vorliegende Ballade, sondern auch ein gleichnamiges Singspiel Die Bürgschaft D 435. In Nr. 14 verwendet er sogar eine Passage aus dem Lied im Andante ab Takt 97.
Die Oper wurde am 7. März 1908 zum ersten Mal und seither bisher nur an wenigen Abenden aufgeführt, weil sie uns nur als Fragment vorliegt. Wer sich trotzdem dafür interessiert, kann auf Youtube den Mitschnitt einer Neudichtung dieser Oper von Paula Fünfeck, musikalisch bearbeitet und vervollständigt von Anna-Sophie Brüning ansehen.

Von 1996-2006 gab es ein Vokalquartett mit dem Namen Four Hire, das in seinen Konzerten oft das dieser Oper entstammende Räuber-Quartett sang.
Hier ist es in einer Aufnahme mit Matthias Heubusch und Elmar Stollberger, Tenor, sowie Peter Schöne und Sebastian Myrus, Bass.
Räuberlied D 435-13

Zur Veröffentlichung

Zur Quellenlage (Manuskripte etc.) kann man sich im thematischen Verzeichnis von O.E.Deutsch informieren.

Das Autograph gilt als verschollen, eine Abschrift liegt in der Österreichischen Nationalbibliothek und kann dort online recherchiert werden.

Die Erstveröffentlichung besorgte A.Diabelli & Co als Nachlass-Lieferung 8 am 26.10.1830.

Aus der Wiener Zeitung vom 26. Oktober 1830:


Geschrieben von: Peter Schöne

Noten

Link zum Manuskript
schubertmanu

Erstdruck

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Originalversion des Liedes

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Transposition für mittlere Stimme

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Quelle imslp.org o.a.: Die Bürgschaft.pdf