Komponist: Franz Schubert (1797-1828)
Textdichter: Mayrhofer/Kalbeck

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Interpreten: Peter Schöne - Bariton / Olga Monakh - Piano
Aufnahme: Mittwoch, 07. August 2013 - Berlin



Liedtext

Sitz' ich im Gras am glatten See,
Beschleicht die Seele banges Weh,
[Wie Äolsharfen klingt mich an
Ein unnennbarer Zauberwahn]1.
Das Schilfrohr neiget seufzend sich,
Die Uferblumen grüßen mich,
Der Vogel klagt, die Lüfte wehn,
Vor Schmerzenslust möcht' ich vergehn!

Wie mir das Leben kräftig quillt
Und sich in raschen Strömen spielt.
Wie's bald in trüben Massen gärt
Und bald zum Spiegel sich verklärt.
Bewußtsein meiner tiefsten Kraft,
Ein Wonnemeer in mir erschafft.
Ich stürze kühn in seine Flut
Und ringe um das höchste Gut.

O Leben, bist so himmlisch schön,
In deinen Tiefen, in deinen Höh'n!
Dein freundlich Licht soll ich nicht sehn,
Den finstren Pfad des Orkus gehn?
Doch bist du mir das Höchste nicht,
Drum opfr' ich freudig dich der Pflicht;
Ein Strahlenbild schwebt mir voran,
Und mutig wag' ich's Leben dran!

Das Strahlenbild ist oft betränkt,
Wenn es durch meinen Busen brennt,
Die Tränen weg vom Wangenrot,
Und dann in tausendfachem Tod.
Du warst so menschlich, warst so hold,
O großer deutscher Leopold,
Die Menschheit füllte dich so ganz
Und reichte dir den Opferkranz.

Und hehr geschmückt sprangst du hinab,
Für Menschen in das Wellengrab.
Vor dir erbleicht, o Fürstensohn,
Thermopylae und Marathon.
Das Schilfrohr neiget seufzend sich,
Die Uferblumen grüßen mich,
Der Vogel klagt, die Lüfte wehn,
Vor Schmerzenslust möcht' ich vergehn!

Kalbeck:
Wohl weiß ich, was das Schilfrohr sagt,
und was das Lied des Vogels klagt,
ach Luft und Flut und Feld und Hain
sind all erfüllt von gleicher Pein!
Zu folgen wähnt ich dir, Natur,
und geh auf eigner Leiden Spur,
es kommt die Nacht mit leisem Schritt
und nimmt uns Alle, Alle mit.

1 Peters Edition: "Mit Geisterarmen rührt mich an / geheimnisvoller Zauberbann"

Quelle & alternative Kompositionen: www.lieder.net

Entstehung

komponiert: 07. Dezember 1814

veröffentlicht: 1885

Originaltonart: g-moll

Liedform: Strophenlied

Die zweite Strophe von Kalbeck wurde erst nach dem Tode Schuberts bei der Veröffentlichung durch den Verlag C.F.Peters 1885 hinzugefügt. Im Manuskript liegen Skizzen zu einem kantatenähnlichen Lied vor, die bei der Veröffentlichung keine Berücksichtigung fanden. Diese Skizzen wurden mit Bleistift ausgestrichen. Es sind 57 Takte erhalten. Auf dem Anfang dieses Manuskripts ist auch ein Teil der Sehnsucht von Goethe D 123 notiert.
Im thematischen Katalog von Otto Erich Deutsch wird diesem Lied der Beginn der Freundschaft zwischen Mayrhofer und Schubert zugeschrieben. Deutsch datiert die Entstehung des Liedes auf den 7. Dezember 1814. schubert-online.at ist etwas vorsichtiger und schreibt als ermitteltes Datum "Dezember 1814".

Der im Gedicht von Mayrhofer genannte Leopold war Maximilian Julius Leopold von Braunschweig-Wolfenbüttel, Prinz von Braunschweig-Wolfenbüttel, Neffe des preußischen Königs Friedrich II. Er ertrank bei der großen Oderflut 1785 im Alter von 32 Jahren. Einer Legende nach wollte er vom Hochwasser eingeschlossene Bürger retten. Diese Legende wurde offenbar widerlegt, aber in der Bevölkerung hielt sie sich trotzdem. Dies erklärt auch, warum sich Dichter wie Goethe und Herder und eben auch Mayrhofer dazu hinreißen ließen, dieses Mannes und der ihm zugeschriebenen Taten mit Gedichten zu gedenken.

Geschrieben von: Peter Schöne

Noten

Das Manuskript zu diesem Lied online studieren
www.schubert-online.at
schubertmanu

Originalversion des Liedes

Quelle imslp.org o.a.: Am See.pdf